Schweden: Fragen Sie doch Herrn Teledoktor

DiePresse-Artikel von André Anwar vom 11.05.2018

Viele Patienten freut der digitale Hausbesuch ohne Wartezeit. Kritiker meinen aber, dass der Teledoktor nur Menschen mit harmlosen Leiden helfe und das Budget strapaziere. (c) CHRISTOFER DRACKE

Die Telemedizinbranche wächst seit 2016 explosionsartig, jedoch mit gemischten Ergebnissen. Künftig dürfen auch deutsche Ärzte Patienten per Smartphone behandeln.

Stockholm. In Schweden ist sie bereits ein Hit, jetzt soll das Angebot auf Deutschland erweitert werden: die ärztliche Konsultation per Mausklick. Schwedische Telemedizindienste wie Kry sind seit Ende 2016 explosionsartig gewachsen – seit sie über die zentrale schwedische Einheitskrankenversicherung abrechnen dürfen wie jede andere Arztpraxis auch. Zudem fördert der Staat in dünn besiedelten Gebieten jede Behandlung mit 100 bis 180 Euro. Patienten bezahlen nur die Praxisgebühr.

Der Netzdoktoranbieter Kry ist von einer Handvoll Ärzten auf rund 300 Behandler und 300.000 Patientenkontakte angewachsen. Patienten können über das Smartphone zwischen Allgemeinmedizinern, Fachärzten sowie seit März Psychologen wählen. Die Patienten klicken sich durch automatisierte Fragen nach ihrem Leiden. Wenn dieses nicht im Internet behandelt werden kann, wie etwa ein Beinbruch, wird der Patient an eine physische Praxis verwiesen. Das Gespräch ist wie beim Allgemeinarzt auf 15 Minuten angelegt, doch schaffen digitale Ärzte laut Kry doppelt so viele Patienten.

Der Arzt sitzt im Sommerhaus

Bei Kry gibt es weder Wartezimmer noch Sprechstundenhilfen. Die Mitarbeiter widmen sich vor allem der IT, die Netzdoktoren sitzen zu Hause, im Sommerhaus oder im Ausland an Laptops. Die einzige Regel: Sie müssen ihre Patienten an einem diskreten Ort behandeln.

Kry und seine Konkurrenten Min Doktor, Doktor.se und Medicoo wetteifern mit aufwendigen Werbekampagnen um die Patienten. Denn trotz enormen Wachstums werden nur 1,5 Prozent der Arztbesuche in Schweden digital abgewickelt. „Es gibt viele Menschen, die nicht wissen, dass sie einen Arzt über ihr Smartphone oder iPad treffen können“, sagt Kry-Gründer Johannes Schildt.

Mit dem Beschluss des Deutschen Ärztetags zur Erlaubnis von Fernbehandlungen ohne vorherige Visite hoffen schwedische Telemedizinanbieter auf Expansion in Deutschland. „Wir werden Ende 2018 in Baden-Württemberg mit einem Pilotprojekt starten, mit deutschen Ärzten“, sagt Samuel Danofsky von Kry.

Insgesamt sind Schwedens Erfahrungen mit den Netzdoktoren gemischt. Zu den Vorteilen zählen kürzere Wartezeiten, oft dauert es nur zehn Minuten von der Anfrage bis zum digitalen Arztbesuch.

Schnell dran, lang offen

Experten warnen jedoch, dass die Netzärzte die Kosten der Krankenkasse erhöhen. Viele Besuche beim digitalen Arzt seien unnötig, so die Kritiker. „Zudem gibt es bei den Netzärzten Qualitätsmängel“, kritisierte der Arzt Ove Andersson im TV-Sender SVT. „Steuergelder werden von kommunalen Arztpraxen abgezogen, die sich auf ernsthaft kranke Patienten konzentrieren. Digitale Dienste werden vor allem von Patienten mit geringen Beschwerden genutzt“, meinte der Arzt Jonas Sjögren im Radio Schweden. 100 Millionen Euro pro Jahr sollen unnötige Online-Arzttermine den Staat kosten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2018)