21. April , 2020

Oma und Opa sind jetzt online Die Corona-Krise zwingt Senioren zur Digitalisierung. Wie kann das gelingen?

Ein informativer FALTER-Bericht über die Digitalisierung des KWP (Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser) in Zeiten des Coronavirus.

Der Bericht ist Eigentum des FALTERS — der Wochenzeitung aus Wien und über diesen Link online frei verfügbar.

Lisa Kreutzer — MEDIEN, FALTER 17/20 vom 21.04.2020

Die Familie hält sich an die Empfehlungen der Regierung. Weil sie auf den Kontakt nicht verzichten will, hat sie sich neue Wege der Kommunikation gesucht. Evelyne Glanzl hat halblange braune Haare, trägt eine dunkle Gleitsichtbrille. Neulich benutzte sie das erste Mal Facetime, zu Ostern dann die erste Videokonferenz mit der ganzen Familie. Diese neuen digitalen Möglichkeiten seien entlastend, sagt sie. „Das sind die Lichtblicke in unserer Quarantäne.“

Die analoge Welt ist von der digitalen kaum mehr zu trennen. Für den Großteil der Gesellschaft ist das nichts Neues. Videokonferenzen gehören für viele schon lange genauso zum Alltag wie die Online-Abwicklung aller Zahlungen. Aber nicht für alle Teile der Gesellschaft ist der Umzug in die digitale Welt so einfach. Von den 60- bis 70-Jährigen nutzte im vergangenen Jahr, nach Angaben des Austrian Internet Monitor, nur knapp die Hälfte regelmäßig das Internet. Von den über 70-Jährigen gerade einmal ein Viertel. Wer in Zeiten der physischen Distanz nicht an krankmachender Einsamkeit leiden will, an den Möglichkeiten des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens teilhaben möchte, der muss online gehen. Wie gehen jene, deren Leben bisher offline war, damit um? Und beschleunigt die Krise die Digitalisierung auch bei Seniorinnen und Senioren?

Seit kurzem klemmt an Frau Glanzls Stand-PC eine Webcam. Die hatten ihr neulich ihre Kinder geschickt. Das gemeinsame Osterfrühstück sollte mit der ganzen Familie als Videokonferenz stattfinden. Über das Telefon hatte ihr Sohn sie bei der Installation angeleitet. Um die Familie in den Zeiten von Corona virtuell zusammenzuhalten, wurde Glanzl technisch aufgerüstet. Eigentlich sei sie in diesen Dingen nie begabt gewesen, sagt sie. „Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man mit Technik nicht so viel am Hut hatte.“ Doch seit der Krise führen die Kinder ihre Mutter an digitale Techniken heran, die ganze Familie erklärt ihr die Funktionen der Geräte, die Apps, die sie braucht. „Reverse Parenting“ nennt man diesen Rollentausch zwischen den Generationen.

„Digitale Kompetenzen sind für eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben inzwischen unabdingbar, viele haben aber keine Ahnung“, sagt Karin Niederhofer. Sie ist 62 Jahre alt, hat kurze blonde Haare, eine große Brille. Niederhofer leitet das Seniorenkolleg im zweiten Bezirk, das Computer-, Tablet- und Smartphonekurse speziell für Senioren anbietet. Das Interview gibt sie via Skype, aus dem Homeoffice. 90 Prozent ihrer Kundschaft sind weiblich, zwischen 65 und 95 Jahren.

Auf welche Schwierigkeiten stoßen ihre Kursteilnehmer, die sich digitalisieren lassen wollen? „Es gibt ein gewisses Obrigkeitsdenken unter den älteren Generationen“, sagt Niederhofer. Darunter leidet beispielsweise die Kompetenz, richtige von falschen Meldungen zu unterscheiden. Die Senioren, die den Umgang mit dem Internet im Selbststudium lernen, seien gefährdet, Falschmeldungen, Spam oder Angebote nicht einordnen zu können. „Wenn es das Gerät sagt, dann muss es stimmen.“ Deshalb sei das Thema Sicherheit in ihren Kursen ein brennendes, sagt Niederhofer. Wie erkenne ich Falschmeldungen und sichere WLAN-Verbindungen? Zusammen üben sie in den Kursen die Bedienung von Handys, diskutieren darüber, wie man sich vor Phishing-Mails oder Spam schützen kann. Oft suchen sie im Anschluss gemeinsam ein Smartphone aus. Ein Gerät, das nicht individuell angepasst ist, sei für ihre Kundinnen und Kunden genauso unangenehm wie ein drückender Schuh, sagt Niederhofer.

Seit Beginn der Corona-Krise hat sich die Anzahl der Teilnehmer an ihren Online-Seminaren verdreifacht, sagt Niederhofer. Auch bei den Wiener Volkshochschulen ist das Interesse an Angeboten aus dem Bereich Digitalisierung gestiegen. Gezwungenermaßen müssen sich viele Seniorinnen und Senioren nun mit digitalen Mitteln auseinandersetzen, wenn sie ihren Alltag meistern möchten. Seien es ­Arztrezepte, die nun per E-Mail zugeschickt werden, Behördengänge via E-Signatur, Onlinebanking oder eben ein Gespräch mit der Familie, das ohne Video nun nicht mehr möglich ist. Die größte Herausforderung sei es, dass gerade jene nicht-digitalisierten ­Gruppen nun digital geschult werden müssen, sagt der VHS-Geschäftsführer Herbert Schweiger.

Niederhofer sieht in der Situation eine Chance für die Digitalisierung der älteren Jahrgänge. Wenn die notwendige Hardware nicht zur Verfügung steht, dann hilft Niederhofers Sohn Alexander aus. Mit seiner Firma Helferline hat er sich in der Krise etwas einfallen lassen, das er „Corona-Tablets“ nennt. Sie schicken desinfizierte Geräte nach Hause, die Nummern der Familie schon auf Kurzwahl gespeichert, die gewünschten Apps vorinstalliert.

Auch auf der Bettenstation im sechsten Stock eines Wiener Penionistenwohnhauses kommt der Kontakt zur Außenwelt in Zeiten der Corona-Krise in Form eines Tablets. Ins Zimmer von Adolfine Schiedek meistens um 15.15 Uhr. Eine Pflegerin hält ihr das Tablet vor das Gesicht, positioniert es so, dass ihre weißen Haare den Bildausschnitt wie ein Porträt rahmen. Auf der anderen Seite der Verbindung sitzt ihr Schwiegersohn in seinem Arbeitszimmer. Ludwig Kaspar ist 76 Jahre alt, mit dem Headset auf den Ohren spricht er in das Tablet auf seinem Schreibtisch „Erkennst du mich?“ Nicht jedes Mal hat er Glück mit der Frage. Nicht jedes Mal weiß die 97-Jährige, wer er ist, sie ist schwer an Demenz erkrankt. Diesmal lächelt Frau Schiedek. Sie tippt die Pflegerin an, deutet auf den Bildschirm. „Ma schau, der Ludwig.“

In Pensionistenwohnhäusern und Pflegeheimen herrscht seit der Corona-Krise ein absolutes Besuchsverbot. Die Bewohner dürfen das Haus nicht verlassen. Einkäufe und Besuche außerhalb des Areals sind nicht möglich, die Veranstaltungsräume bleiben leer. Gegessen wird allein, in den eigenen Wohnungen oder Zimmern. Die Menschen, die hier leben, wurden mit den digitalen Möglichkeiten nicht sozialisiert und bekommen die momentanen analogen Einschränkungen besonders hart zu spüren.

Rund 16 Prozent der Österreicher nutzen das Internet nicht, geht aus den Erhebungen des Austrian Internet Monitor 2019 hervor. Sie sind die sogenannten Offliner. Frau Schiedek ist eine von ihnen. Wer in Österreich Internetzugang hat, ist auch eine Frage der Bildung. Fast alle über 50-Jährigen mit Universitätsabschluss haben Internetzugang, mit Pflichtabschluss nur 64 Prozent. Als medizinischer Leiter der Onlineplattform Netdoktor zählt Kaspar zu Ersteren. Frau Schiedek hingegen nutzte auch vor ihrer Erkrankung weder Smartphone noch Internet. 

Bei Videotelefonaten hilft Andreas Lingua. Grauer Bart, ein freundliches Lächeln. Er ist Heimhelfer im Haus Föhrenhof des Kuratoriums der Wiener Pensionistenwohnhäuser. Das Haus Föhrenhof liegt in einer ruhigen Wohnstraße nahe des Lainzer Tiergartens. Mit seinen Kolleginnen und Kollegen steht Lingua momentan vor der Herausforderung, die Bewohner vor dem Virus zu schützen und dabei ihre Isolation so gering wie möglich zu halten. Um den Bewohnern und Bewohnerinnen ein wenig Kontakt zur Außenwelt zu ermöglichen, wurde für jedes der 30 Häuser des Kuratoriums ein Tablet gekauft. Auch für jenes, in dem Frau Schiedek lebt.

Die 260 Seniorinnen und Senioren im Haus Föhrenhof, in dem Lingua arbeitet, sind zwischen 54 und 102 Jahre. Diese heterogene Zusammensetzung sei eine Herausforderung, sagt Lingua. Denn Alter sei relativ. „Hier wohnt eine 95-Jährige, die ihren Enkeln Bilder via Whatsapp schickt, und dann wieder 70-Jährige, die sich nicht für Technik interessieren oder kognitiv eingeschränkt sind.“ Diese Bandbreite mache eine gemeinsame Einführung in das Gerät unmöglich, sagt Lingua. Was jedoch alle Bewohner eint: Seit den Besuchsverboten sind sie vollständig auf digitale Hilfen angewiesen, um ihre Angehörigen sehen zu können. Doch können sie den physischen Kontakt, der nun fehlt, ersetzen?

Nicht nur Frau Schiedek helfen die Videotelefonate, auch für ihren Schwiegersohn sind die Anrufe entlastend. „Ich sehe in der kurzen Zeit, ob sie Angst hat, panisch wirkt, oder ob es ihr heute gut geht“, sagt Kaspar. „Das ist beruhigend.“

Doch natürlich seien Videotelefonate kein Ersatz für die Besuche, in der Krise aber die beste Möglichkeit, um Einsamkeit zu verringern. So ein Videoanruf trage zur Tagesstruktur bei, sei aktivierend, ein Moment der Nähe in den Zeiten der Isolation, sagt Elisabeth Stögmann. Sie ist Professorin an der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Wien. Für kognitiv gesunde Senioren sei das Interesse und die Beschäftigung mit digitaler Technik zudem gut geeignet, um Demenz vorzubeugen.

Video Call mit der Familie auf der JAMES Station.

Der Umgang mit digitalen Medien ist auch für ältere Menschen zu einer Voraussetzung für soziale Teilhabe geworden, heißt es in einer Studie, die das Sozialministerium im Vorjahr veröffentlichte. Schon vor rund fünf Jahren stellte das Verkehrsministerium die Breitband-Offensive „2015–2020“ vor. Darin wurden explizit Maßnahmen zur digitalen Integration von Senioren vorgesehen. Es werden Beratungen für Senioren und Trainer, Schulungsmaterialien und Veranstaltungen zum Thema angeboten. Doch nicht für alle kommen diese Initiativen rechtzeitig. Und längst nicht alle nehmen die Initiativen an.

Frederike D. versteht die ganze Aufregung nicht. Die 87-Jährige lebt in einem kleinen Dorf im Waldviertel mit weniger als 1000 Einwohnern. In der Kriegszeit ­hätten die Leute größere Sorgen gehabt, sagt sie, die Aufregung um das Virus sei für sie nicht verständlich. Dass ihre Kontakte nun eingeschränkt sind, sei kein Grund, sich zu digitalisieren. Für Technik habe sie sich nie interessiert, sagt die ehemalige Winzerin, das ändert sich auch durch die Einschränkungen nicht. Einen Internetzugang hatte sie nie, es sei auch nicht notwendig gewesen. Mittwochs Mittagessen im Gasthaus, am Samstag Frühstück im Kaffeehaus, eine Abendveranstaltung pro Woche. Ihr Terminplan war immer voll und die ­Beschäftigung mit Digitalem stand dabei nie auf der Agenda.

Bildung im Alter unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt: Die Zielgruppe ist weit weniger bereit, sich mit subjektiv empfundenen „Unsinnigkeiten“ herumzuschlagen. So steht es in einer Studie des Sozialministeriums aus dem Jahr 2014. Abschlüsse, Zeugnisse, formale Bestätigungen – was jüngere Generationen oft antreibt, sei im Alter nicht mehr wichtig. „Es muss einen Anreiz haben, warum das jetzt besser ist als das Alte“, sagt Neurologin Stögmann.

Oft sei es schwer, das Analoge, das Gewohnte zu überbieten, so Stögmann. Denn das Lernen von Inhalten werde im Laufe des Lebens ein bisschen schlechter. „Man ist einfach nicht mehr so schnell, lernt nicht mehr so gut, man tut sich schwerer.“

„Eine Lehre aus der Krise wird sein, dass Wege gefunden werden müssen, nicht-digitalisierungsaffine Gruppen, von denen Senioren einen großen Teil ausmachen, im Umgang mit neuen Techniken zu schulen“, sagt auch Schweiger von den Wiener VHS. Wer im 21. Jahrhundert sozial inkludiert sein will, kommt um die Digitalisierung nicht herum.

Für Evelyne Glanzl war die Krise ein Katalysator. Die neuen technischen Möglichkeiten wird sie nicht mehr aufgeben. Dazu sind sie viel zu angenehm.

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